Fast auf den Tag genau 21 Jahre
später: Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyerhalle: Die Frisur etwas tiefer, das
Styling etwas dezenter, wenngleich aber selbstverständlich mit Bedacht
ausgesucht. Die so ganz ohne elterliche Unterstützung geplante Anreise aus dem
4*-Hotel mit der praktischen Familienkutsche war wegen Fußball und lausigem
Stuttgarter Parkleitsystem war zwar etwas erschwert, aber irgendwann war man
doch wieder vor besagtem Venue angekommen – in Erwartung einer emotionalen
Déjà-vue-Keule. NKOTB live in Concert. Again.
Das Déjà-vue blieb aus … und das war auch ganz gut so.
Schtuttgaard!
Nein, es war mitnichten eine
Reise in die Vergangenheit. Es war ein mit Nostalgie getränkter Wake-up-call
daran, dass man mit Mitte/Ende 30 noch lange nicht zu alt ist, um die Haare
herunterzulassen, sich die Seele aus dem Leib zu zappeln und auf Einfach-mal-loslassen-Modus
umzuschalten. Eine Auszeit vom Alltag, eine fantastische Möglichkeit, den
inneren Blockhead einmal wieder rauszuholen und die bis in die DNA-verankerte
Musik samt Emotionen freizulassen. Erwachsen und vernünftig ist morgen wieder.
An dieser Stelle möchte ich mich
auch ganz offiziell bei meiner rechten Nachbarin entschuldigen, die aufgrund
meiner raumgreifender Tanzeinlagen, meines bis zur Heiserkeit zelebrierten Mitgesangs
sowie meiner ausschweifenden Moves-like-NKOTB öfters einen Ellenbogen oder
sonstige Extremitäten in Mitleidenschaft gezogen wurde. Sorry … oder so.
Was wurde uns geboten? Wir
bekamen eine perfekt in Szene gesetzte Show serviert, ein von der ersten bis
zur letzten Minute virtuos durchgestyltes Spektakel mit 9 Hauptdarstellern, die
nach allen Regeln der Kunst in deren jeweils rechtestes Licht gerückt waren.
Alles genau zur rechten Zeit am rechten Ort. Und das - sei es nun professionell
dargebracht oder einfach nur echte – Gefühl, dass ausnahmslos alle Bock auf die
Show hatten und genau diese 2,5 Stunden mit uns eine geile Party feiern
wollten. Und das in einer vollen Hütte mit 10.000 mir zu 99,9 % unbekannten Menschen,
mit denen man für diese Zeit in eine in sich geschlossene „Emosphere“
eintauchte.
Es war kein Abend der Experimente
oder des Versuchs, uns neue Musik schönzuperformen. Nein, es waren die alten,
die uns so vertrauten Songs, die im rasanten Tempo ohne Verschnaufpause für
beide Seiten dargeboten wurden. Schön im Wechsel, damit keine Fanseite zu lange
warten musste, um wieder voll Gas zu geben. Wobei ich absolut zugeben muss, bei
den BSB-Parts nicht wirklich vom Gas gegangen zu sein. Wozu auch. Feiern kann
man tatsächlich auch bei den wirklich sympathischen Backstreet Boys, da einem
die Texte wegen häufigerer Rauf- und Runternudelung deren Songs im Radio
einfach vertraut sind und die vier Herren wirklich eine tolle Show abgeliefert
haben. Kann man ja man ja mal völlig neidlos anerkennen. Wir Blockheads haben
ja auch nur dem Namen nach ein Brett vor dem Kopf.
Wir genossen Entertainment auf
den Punkt gebracht für Blockheads und BSB-Fans, zugeschnitten auf genau unsere
Bedürfnisse. Na ja, alles andere hätte ja auch keinen Sinn gemacht. Wir wollen
keine gereiften Sänger sehen, die sich in Anzug und Krawatte darauf
konzentrieren, anspruchsvolle Chansons zu schmettern und sich wie Familienväter
oder einfach nur erwachsen benehmen. Das kennen wir von Zuhause zur Genüge. Und
dank der Penis-Stage, die permanent mit einbezogen wurde, war ständig Action
und Bewegung für Auge und Ohr geboten.
Trotz – oder vielleicht ja auch
wegen – einem BSB-Fan-Überhang war es ein toller Abend. Auch dass sich die
BSB-Fans teilweise bei den reinen NKOTB-Songs hinsetzten und etwas ruhiger
wurden, tat der Sache keinen Abbruch. Kein Geläster, keine Arroganz und schon
gar keine Ignoranz unserer Band gegenüber. Im Gegenteil. Und wenn man Reaktionen im
eigenen Fanlager beobachtet, so muss man wohl mit einem gewissen Amüsement
feststellen, dass es hier einige new born BSB-Fans gibt. Interessant, wenn man
zurückdenkt, wie die ersten Reaktionen auf die gemeinsame NKOTBSB-Tour waren. Aber
zeigt einem doch nur wieder einmal, dass man manche Dinge einfach geschehen
lassen muss, ohne sie von vorn herein zu verurteilen. Und was würde an dieser
Stelle besser passen, als ein – wenn auch schon in die Jahre gekommenes, aber immer
noch wahres – Wood-Zitat: „Try it, try it, you might like it!“. Ja Danny, hast‘
ja Recht, wir hätten wirklich etwas verpasst, wären wir nicht hingegangen.
Die gemeinsame Show war zwar,
wenn man das große Ganze betrachtet, das Optimum hinsichtlich Show, Action und
Unterhaltungswert, einige kleine Abstriche aber gab es, wenn man sie mit reinen
NKOTB-Shows vergleicht. Das temporeiche Styling der Show nahm den beiden
Bands mit ihren vier bzw. fünf Einzelperformern leider auch etwas Raum. So gab
es für meinen Geschmack zu wenig persönliche Ansprache beider Bands. Natürlich
gab es das eine oder andere an die jeweiligen Fans gerichtete persönliche Wort, aber für viel mehr war einfach
kein Platz. Mir fehlte eine patriotische Donnie-Ansprache bzgl. was auch immer.
Einfach ein paar mehr Wahlberg Wise Words. Sicher, in einer Ein-Band-Show sind
diese Talk-Einlagen einfach oft Lückenfüller, um zu überbrücken. Diese waren
bei dieser Show nicht nötig bzw. aus Zeitgründen nicht möglich, was etwas
schade ist.
Genauso die Tatsache, dass mir
ein Jon Knight etwas untergegangen ist zwischen den anderen 8 stärkeren
Performern. Er hat nun mal keine Soli und wenn dann noch vier weitere starke
Bühnencharaktere auf dem Plan sind, dann nimmt ihn das noch etwas mehr zurück,
als sonst schon. In den NKOTB-Shows 2009 wurde er eben in den damals
vorhandenen Talk-Breaks durch die anderen mehr mit einbezogen. Für ihn ist die
9-er-Combo leider ein Platzräuber. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es ihm
persönlich tatsächlich etwas ausmacht, noch etwas mehr im Hintergrund zu sein.
Im Gegensatz zu ihm ließen sich allerdings
die Herren McIntyre und der jüngere Knight nicht lange bitten, um sich genügend
Platz und Aufmerksamkeit auf der Bühne zu verschaffen. Immer noch kein
ausgesprochener Jordan-Fan muss ich ihm auch nach 2009 wieder einen
supersauberen Gesang attestieren. Ein wieder einmal perfekt präsentiertes „I’ll
be loving you forever“. Da saß jede noch so hohe Note (ja, auch als Fänin einer vermeintlich anspruchslosen Musik achte ich auf Qualität). Ebenso wie bei Joe, der
sich wieder einmal als vollendeter Entertainer unter Beweis stellte. Wenngleich
das schauspielerisch fast bis zum Erbrechen dargebotene Lechzen nach Anbetung „Ich
bin so unglaublich sexy, vergöttert mich!“ stellenweise fast ein Hauch zu viel
des Guten war. Aber dass sie sich selbst dabei nicht hundertprozentig ernst
dabei nahmen, war ebenfalls nicht zu übersehen. Und in Anbetracht der Ansexung (aber
alles nur im Spiel) der BSB-Jungs der vier Mädels, die sie auf die Bühne holten,
kann man darüber gerade noch so hinwegsehen.
Aber selbstverständlich sind es
gerade diese gnadenlos überzogenen Szenen, die Nonbelievers auf den Plan ruft.
Natürlich habe ich mir die deutsche Presse-Resonanz auf die Show angetan.
Nicht, dass ich hier irgendwelche Lobhudeleien erwartet hätte. Wobei der Tenor
meist doch eher positiv ist hinsichtlich der Professionalität und des
Entertainmentfaktors der Show. Aber sicherlich geht es nicht ohne Seitenhiebe u.a.
hinsichtlich des fortgeschrittenen Alters sowohl der Bands als auch der
Konzertbesucher und deren vermeintlicher Rückfall in Teenie-Verhaltensweisen.
Natürlich sind sie älter
geworden. Aber das Gute an der Sache ist ja gerade, dass wir gemeinsam älter
geworden sind. Ich würde mir keine Show von gephotogeshopten 20-Jährigen Typen
anschauen, die auf der Bühne singen und tanzen. Aus dem Alter ist man
tatsächlich heraus. Aber was spricht dagegen, sich ungefähr Gleichaltrige
anzusehen, die mir das bieten, was mir vertraut ist, die damals wie heute etwas
in mir auslösen, weil sie einfach unendlich lange schon Wegbegleiter waren und
sind? Die trotz ihres doch wahnsinnig reifen Alters fast fitter und mit viel
mehr gefühltem Herzblut auf der Bühne rocken, als in 1991? Sei’s nun Berechnung
hinsichtlich deren Rente oder weil sie einfach Bock darauf haben.
Die Show war genau mit den
trivialen Dingen gespickt, auf die wir damals schon abgefahren sind? Ja. Hat damals
funktioniert und tut es heute noch. Und es tut der Sache auch keinen Abbruch,
dass wir uns dessen – trotz oder ja vielleicht gerade wegen der Unterstellung,
wir würden es nicht bemerken – absolut bewusst sind. Kreisende Hüften, vom Leib
gerissene Shirts, laszive Blicke? Ja, mehr davon! Wer hat zuhause schon einen
Mann, der einem das bietet? Eben. Und genau aus diesem Grund sind wir wiedergekommen.
Um unsere niedrigsten Begehrlichkeit zu befriedigen ohne das lästige Buhlen um
männliche Aufmerksamkeit, was sich gerne einstellt, wenn man anderweitig
„ausgeht“. Und nein, wir sind nicht einfach gestrickt. Wir sind so intelligent,
es zuzulassen. Wir wollen es, wir kriegen es und es fühlt sich verdammt gut an!
Wenn man sich darauf eingelassen
hat, konnte man einen perfekten Abend erleben, mit toller Musik, einer bis in
kleine Detail durchdachter Show, bis zu einem gewissen Punkt einem vertraute
Performer, die wieder einmal die Seele berührt haben, einem Hauch Nostalgie und
dem Gefühl, hier genau richtig zu sein. Es war alles dabei, was dabei sein musste
und gerade deswegen war es eine absolut runde Sache.
Was bleibt? Die im ersten Moment drollige
Anekdote, dass mich meine Sitznachbarin, ihres Zeichens BSB-Fänin, tatsächlich
und in Echt gesiezt hat, was mir wirklich zu denken gibt. Nun gut, die Zeiten
des Anti-Agings sind hier dann wohl endgültig angebrochen. :-/
Und wieder einmal das Bewusstsein,
dass NKOTB nachhaltig mein Leben beeinflusst haben. Die Tatsache, meine erste
NKOTB-Show in 1991 in Stuttgart und 21 Jahre später wieder mit meiner damals
wie heute besten Freundin zu erleben, macht es einfach nochmal so speziell. „Weißt
Du noch, damals waren wir genau da gestanden, und …!“. Goosebumps due to friendship
made by NKOTB. Und definitiv viel zu viel Käse, um einen holzigen Beigeschmack
zu haben.
Thanks again for coming home,
NKOTB … und es war wirklich in Ordnung, dass Ihr BSB mitgebracht habt.