Samstag, 12. Mai 2012

1991 vs. 2012 ... Schtuttgaard!

08. Mai 1991: Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyerhalle, die Fön-Frisur, die zu Hochwasserhosen hochgekrempelten Jeans, die viel zu weiten Fan-Shirts und die echten Fake-Backstage-Pässe am Start. Monatelang mit Hingabe vorbereitet, die Reise bis zum Tag X bis ins Detail mit den besorgten Eltern geplant und unzählige Male im Geiste durchlebt, die Telefonnummer samt 30 Pfennig Telefongeld des in Stuttgart ansässigen Onkels, bei dem man sich einquartiert hatte, im Brustbeutel sicher verwahrt.

Fast auf den Tag genau 21 Jahre später: Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyerhalle: Die Frisur etwas tiefer, das Styling etwas dezenter, wenngleich aber selbstverständlich mit Bedacht ausgesucht. Die so ganz ohne elterliche Unterstützung geplante Anreise aus dem 4*-Hotel mit der praktischen Familienkutsche war wegen Fußball und lausigem Stuttgarter Parkleitsystem war zwar etwas erschwert, aber irgendwann war man doch wieder vor besagtem Venue angekommen – in Erwartung einer emotionalen Déjà-vue-Keule. NKOTB live in Concert. Again.
Das Déjà-vue blieb aus … und das war auch ganz gut so.
Schtuttgaard!

Nein, es war mitnichten eine Reise in die Vergangenheit. Es war ein mit Nostalgie getränkter Wake-up-call daran, dass man mit Mitte/Ende 30 noch lange nicht zu alt ist, um die Haare herunterzulassen, sich die Seele aus dem Leib zu zappeln und auf Einfach-mal-loslassen-Modus umzuschalten. Eine Auszeit vom Alltag, eine fantastische Möglichkeit, den inneren Blockhead einmal wieder rauszuholen und die bis in die DNA-verankerte Musik samt Emotionen freizulassen. Erwachsen und vernünftig ist morgen wieder.
An dieser Stelle möchte ich mich auch ganz offiziell bei meiner rechten Nachbarin entschuldigen, die aufgrund meiner raumgreifender Tanzeinlagen, meines bis zur Heiserkeit zelebrierten Mitgesangs sowie meiner ausschweifenden Moves-like-NKOTB öfters einen Ellenbogen oder sonstige Extremitäten in Mitleidenschaft gezogen wurde. Sorry … oder so.

Was wurde uns geboten? Wir bekamen eine perfekt in Szene gesetzte Show serviert, ein von der ersten bis zur letzten Minute virtuos durchgestyltes Spektakel mit 9 Hauptdarstellern, die nach allen Regeln der Kunst in deren jeweils rechtestes Licht gerückt waren. Alles genau zur rechten Zeit am rechten Ort. Und das - sei es nun professionell dargebracht oder einfach nur echte – Gefühl, dass ausnahmslos alle Bock auf die Show hatten und genau diese 2,5 Stunden mit uns eine geile Party feiern wollten. Und das in einer vollen Hütte mit 10.000 mir zu 99,9 % unbekannten Menschen, mit denen man für diese Zeit in eine in sich geschlossene „Emosphere“ eintauchte.
Es war kein Abend der Experimente oder des Versuchs, uns neue Musik schönzuperformen. Nein, es waren die alten, die uns so vertrauten Songs, die im rasanten Tempo ohne Verschnaufpause für beide Seiten dargeboten wurden. Schön im Wechsel, damit keine Fanseite zu lange warten musste, um wieder voll Gas zu geben. Wobei ich absolut zugeben muss, bei den BSB-Parts nicht wirklich vom Gas gegangen zu sein. Wozu auch. Feiern kann man tatsächlich auch bei den wirklich sympathischen Backstreet Boys, da einem die Texte wegen häufigerer Rauf- und Runternudelung deren Songs im Radio einfach vertraut sind und die vier Herren wirklich eine tolle Show abgeliefert haben. Kann man ja man ja mal völlig neidlos anerkennen. Wir Blockheads haben ja auch nur dem Namen nach ein Brett vor dem Kopf.

Wir genossen Entertainment auf den Punkt gebracht für Blockheads und BSB-Fans, zugeschnitten auf genau unsere Bedürfnisse. Na ja, alles andere hätte ja auch keinen Sinn gemacht. Wir wollen keine gereiften Sänger sehen, die sich in Anzug und Krawatte darauf konzentrieren, anspruchsvolle Chansons zu schmettern und sich wie Familienväter oder einfach nur erwachsen benehmen. Das kennen wir von Zuhause zur Genüge. Und dank der Penis-Stage, die permanent mit einbezogen wurde, war ständig Action und Bewegung für Auge und Ohr geboten.
Trotz – oder vielleicht ja auch wegen – einem BSB-Fan-Überhang war es ein toller Abend. Auch dass sich die BSB-Fans teilweise bei den reinen NKOTB-Songs hinsetzten und etwas ruhiger wurden, tat der Sache keinen Abbruch. Kein Geläster, keine Arroganz und schon gar keine Ignoranz unserer Band gegenüber. Im Gegenteil. Und wenn man Reaktionen im eigenen Fanlager beobachtet, so muss man wohl mit einem gewissen Amüsement feststellen, dass es hier einige new born BSB-Fans gibt. Interessant, wenn man zurückdenkt, wie die ersten Reaktionen auf die gemeinsame NKOTBSB-Tour waren. Aber zeigt einem doch nur wieder einmal, dass man manche Dinge einfach geschehen lassen muss, ohne sie von vorn herein zu verurteilen. Und was würde an dieser Stelle besser passen, als ein – wenn auch schon in die Jahre gekommenes, aber immer noch wahres – Wood-Zitat: „Try it, try it, you might like it!“. Ja Danny, hast‘ ja Recht, wir hätten wirklich etwas verpasst, wären wir nicht hingegangen.

Die gemeinsame Show war zwar, wenn man das große Ganze betrachtet, das Optimum hinsichtlich Show, Action und Unterhaltungswert, einige kleine Abstriche aber gab es, wenn man sie mit reinen NKOTB-Shows vergleicht. Das temporeiche Styling der Show nahm den beiden Bands mit ihren vier bzw. fünf Einzelperformern leider auch etwas Raum. So gab es für meinen Geschmack zu wenig persönliche Ansprache beider Bands. Natürlich gab es das eine oder andere an die jeweiligen Fans gerichtete persönliche Wort, aber für viel mehr war einfach kein Platz. Mir fehlte eine patriotische Donnie-Ansprache bzgl. was auch immer. Einfach ein paar mehr Wahlberg Wise Words. Sicher, in einer Ein-Band-Show sind diese Talk-Einlagen einfach oft Lückenfüller, um zu überbrücken. Diese waren bei dieser Show nicht nötig bzw. aus Zeitgründen nicht möglich, was etwas schade ist.
Genauso die Tatsache, dass mir ein Jon Knight etwas untergegangen ist zwischen den anderen 8 stärkeren Performern. Er hat nun mal keine Soli und wenn dann noch vier weitere starke Bühnencharaktere auf dem Plan sind, dann nimmt ihn das noch etwas mehr zurück, als sonst schon. In den NKOTB-Shows 2009 wurde er eben in den damals vorhandenen Talk-Breaks durch die anderen mehr mit einbezogen. Für ihn ist die 9-er-Combo leider ein Platzräuber. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es ihm persönlich tatsächlich etwas ausmacht, noch etwas mehr im Hintergrund zu sein.

Im Gegensatz zu ihm ließen sich allerdings die Herren McIntyre und der jüngere Knight nicht lange bitten, um sich genügend Platz und Aufmerksamkeit auf der Bühne zu verschaffen. Immer noch kein ausgesprochener Jordan-Fan muss ich ihm auch nach 2009 wieder einen supersauberen Gesang attestieren. Ein wieder einmal perfekt präsentiertes „I’ll be loving you forever“. Da saß jede noch so hohe Note (ja, auch als Fänin einer vermeintlich anspruchslosen Musik achte ich auf Qualität). Ebenso wie bei Joe, der sich wieder einmal als vollendeter Entertainer unter Beweis stellte. Wenngleich das schauspielerisch fast bis zum Erbrechen dargebotene Lechzen nach Anbetung „Ich bin so unglaublich sexy, vergöttert mich!“ stellenweise fast ein Hauch zu viel des Guten war. Aber dass sie sich selbst dabei nicht hundertprozentig ernst dabei nahmen, war ebenfalls nicht zu übersehen. Und in Anbetracht der Ansexung (aber alles nur im Spiel) der BSB-Jungs der vier Mädels, die sie auf die Bühne holten, kann man darüber gerade noch so hinwegsehen.
Aber selbstverständlich sind es gerade diese gnadenlos überzogenen Szenen, die Nonbelievers auf den Plan ruft. Natürlich habe ich mir die deutsche Presse-Resonanz auf die Show angetan. Nicht, dass ich hier irgendwelche Lobhudeleien erwartet hätte. Wobei der Tenor meist doch eher positiv ist hinsichtlich der Professionalität und des Entertainmentfaktors der Show. Aber sicherlich geht es nicht ohne Seitenhiebe u.a. hinsichtlich des fortgeschrittenen Alters sowohl der Bands als auch der Konzertbesucher und deren vermeintlicher Rückfall in Teenie-Verhaltensweisen.

Natürlich sind sie älter geworden. Aber das Gute an der Sache ist ja gerade, dass wir gemeinsam älter geworden sind. Ich würde mir keine Show von gephotogeshopten 20-Jährigen Typen anschauen, die auf der Bühne singen und tanzen. Aus dem Alter ist man tatsächlich heraus. Aber was spricht dagegen, sich ungefähr Gleichaltrige anzusehen, die mir das bieten, was mir vertraut ist, die damals wie heute etwas in mir auslösen, weil sie einfach unendlich lange schon Wegbegleiter waren und sind? Die trotz ihres doch wahnsinnig reifen Alters fast fitter und mit viel mehr gefühltem Herzblut auf der Bühne rocken, als in 1991? Sei’s nun Berechnung hinsichtlich deren Rente oder weil sie einfach Bock darauf haben.
Die Show war genau mit den trivialen Dingen gespickt, auf die wir damals schon abgefahren sind? Ja. Hat damals funktioniert und tut es heute noch. Und es tut der Sache auch keinen Abbruch, dass wir uns dessen – trotz oder ja vielleicht gerade wegen der Unterstellung, wir würden es nicht bemerken – absolut bewusst sind. Kreisende Hüften, vom Leib gerissene Shirts, laszive Blicke? Ja, mehr davon! Wer hat zuhause schon einen Mann, der einem das bietet? Eben. Und genau aus diesem Grund sind wir wiedergekommen. Um unsere niedrigsten Begehrlichkeit zu befriedigen ohne das lästige Buhlen um männliche Aufmerksamkeit, was sich gerne einstellt, wenn man anderweitig „ausgeht“. Und nein, wir sind nicht einfach gestrickt. Wir sind so intelligent, es zuzulassen. Wir wollen es, wir kriegen es und es fühlt sich verdammt gut an!

Wenn man sich darauf eingelassen hat, konnte man einen perfekten Abend erleben, mit toller Musik, einer bis in kleine Detail durchdachter Show, bis zu einem gewissen Punkt einem vertraute Performer, die wieder einmal die Seele berührt haben, einem Hauch Nostalgie und dem Gefühl, hier genau richtig zu sein. Es war alles dabei, was dabei sein musste und gerade deswegen war es eine absolut runde Sache.
Was bleibt? Die im ersten Moment drollige Anekdote, dass mich meine Sitznachbarin, ihres Zeichens BSB-Fänin, tatsächlich und in Echt gesiezt hat, was mir wirklich zu denken gibt. Nun gut, die Zeiten des Anti-Agings sind hier dann wohl endgültig angebrochen. :-/

Und wieder einmal das Bewusstsein, dass NKOTB nachhaltig mein Leben beeinflusst haben. Die Tatsache, meine erste NKOTB-Show in 1991 in Stuttgart und 21 Jahre später wieder mit meiner damals wie heute besten Freundin zu erleben, macht es einfach nochmal so speziell. „Weißt Du noch, damals waren wir genau da gestanden, und …!“. Goosebumps due to friendship made by NKOTB. Und definitiv viel zu viel Käse, um einen holzigen Beigeschmack zu haben.
Thanks again for coming home, NKOTB … und es war wirklich in Ordnung, dass Ihr BSB mitgebracht habt.

3 Kommentare:

  1. Mal wieder super geschrieben !
    Die Stelle mit Herrn McIntyre besonders(lach)... hab sofort an Oberhausen denken müssen.

    Toller Blog und ware Worte die mein Herz berühren.


    Grüsse
    Jenny78

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  2. Wie immer klasse geschrieben :)

    LG, noctem77

    P.S. - Schade, dass wir uns in Stutti nich gesehen haben

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  3. Wieder megageil geschrieben --- mehr davon bitte :)

    LG kleinerspatz30

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