Obwohl physisch und psychisch erst einige Tage später auf neue Block-Musik eingestellt, kam dann doch die Neugier. Weniger aus Musik-analytischen, sondern in dem Moment rein pragmatischen Gründen (nur keine akustische Verschwendung, alles meins!), habe ich mir „10“ dann via Kopfhörer zugeführt. Was ich wärmstens empfehlen kann, weil man hier einfach die volle Dröhnung - im wahrsten Sinne des Wortes - bekommt und einem Dinge auffallen, die PC/Notebook-Lautsprecher einfach nicht adäquat in der Lage sind, wiederzugeben.
Und es ist jedes Mal wieder aufs Neue speziell. Du hörst Musik, die Du noch nie in Deinem Leben zuvor gehört hast, und trotzdem sind Dir diese Stimmen dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen, dass es sich einfach immer „familiar“ anhört und -fühlt. Und das völlig unabhängig davon, ob Dir hier eine geschmeidige Up-tempo-Nummer entgegen schmettert oder eine smoothe Ballade daher kommt. Auch völlig Banane, ob Dir das tatsächlich gefällt, was Du gerade hörst. Und wenn einem dann auch noch Jon Knight direkt und ohne Vorwarnung solistisch ins Ohr singt, dann ist das einfach ein Erlebnis, das einen erst einmal erstaunt innehalten lässt, um dann in ein stolzes Lächeln zu verfallen, das sich hartnäckig hält. Well done Jonathan Rashleigh Knight, it’s been a while since step 5!
Zwei bis drei dieser AhaWowHey-Effekte gab es beim ersten kompletten Durchlauf von „10“ durchaus. Hier sind auf jeden Fall „Crash“ zu erwähnen, das mit Clubbigen Abtanz-Beats derart aufgemotzt wurde, dass Fan hier nicht stillhalten kann – nachdem die Volume erst einmal extrem nach oben korrigiert werden muss, um die Power auch richtig mitzunehmen. Nicht wirklich Block-konform, aber … leider geil. Ich unterstelle diesem Song sogar das Potenzial, das neue „Tonight“ zu werden.
Ein weiteres Highlight für mich ist definitiv „Survive you“. Seit langem mal wieder eine starke Ballade. Fängt harmlos an, wird dann aber tatsächlich maßgeblich von einem Average-Sänger Donnie Wahlberg emotional in unvermutete Höhen gesteigert, begleitet von einem mehr als professionellen Harmoniegesang, den wir eher von BSB kennen (gelernt haben), als dass dies je die Stärke unserer Band war. Ich bin kein ausgesprochener Balladen-Fan, wenn es um NKOTB geht, hier geht es mir meist zu kitschig zu, aber „Survive you“ hat mich tatsächlich und wahrhaftig erwischt. Mein Gott, wie cheesy, aber sorry, zu diesem Song bleibt nur eins zu sagen. Schmachtfetzen at its best, aber trotz allem: Chapeau.
Wirklich gut gefallen haben mir wie schon erwähnt „Remix“, aber auch „We own tonight“. Auch die anderen Songs sind durchaus hörbar, wenn auch einige dabei sind, die ich ohne große Überwindung skippe, weil ich weder etwas verpasse, noch Unverzichtbares geboten bekomme. Aber dass mir ein Album – von wem auch immer – vom ersten bis zum letzten Track gefällt, ist noch nie vorgekommen. Ein Song muss mich in den ersten 20 Sekunden haben, sonst bin ich hier gnadenlos und drücke den drolligen Pfeil nach rechts. Einmal vorbeigenudelt und zurück.
10. Zehn. Also ich für meinen Teil habe mehr NKOTB-Alben im Regal. Vor allem, wenn man die Schallplatten (die großen, dünnen, runden, schwarzen Dinger) noch dazu zählt. Ja, na gut, die habe ich mittlerweile natürlich auch als CD, aber wer zählt hier schon. Weil man ja als eingefleischter Blockhead oft das ganz normale Album erwerben muss, damit das als verkauftes Exemplar in Deutschland zählt (man könnte es ja wider Erwarten doch einmal in die Charts schaffen), man dann aber meist noch dem Marketing-Gebaren von NKOTB erliegt und eine Dielaxx, eine um was auch immer gepimpte CD oder eine um einen oder zweieinhalb Tracks und drei hübsche Bilder erweiterte Variante erwerben muss – und natürlich hartnäckig leugnet, diesem total durchschaubaren Trick erlegen zu sein, sondern selbstverständlich dies in völligem Einklang mit seinen sämtlichen Sinnen getan hat. Ja nee, is’ klar. Aber was will man auch von einer Fangemeinde erwarten, die NKOTB zu dem bis heute gehaltenen Rekord im Verkauf von Merchandise-Artikeln verholfen hat. Eben.
Ich werde „10“ - wenn denn die CdZumInDerHandHalten, die natürlich seit dem frühestmöglichen Termin vorbestellt wurde, hier eintrudelt - gerne zu den nicht wirklich durchgezählten anderen NKOTB-Alben stellen und sie zufrieden ansehen. Ja, Fan kann zufrieden damit sein.
Und genau das ist für mich die erstaunlichste Erkenntnis, die dieses Album bei mir hinterlassen hat. Es ist rund. Es ist in sich eine in sich ausgereifte Sache und kommt selbstbewusst und mit sich und der Band im Reinen daher. Was nicht heißt, dass es ein perfektes Album ist. „10“ wird nicht die Welt verändern. Es wird nicht in die Hall of Fame aufgenommen werden aufgrund wahrhaftig tiefgründiger Texte, ausgeklügelter Soundarrangements oder just because.
Aber im Gegensatz zu „The Block“ wurde hier nicht zwanghaft einem aktuellen Musiktrend hinterhergerannt. Man hat nicht diverse Größen der US-Musikproduzenten-Elite engagiert, um auch ja im Gespräch zu bleiben, um im Wir-Sind-Hip-Karussell mitzufahren. Geholfen hat dies sowieso nichts. „The Block“ war für meinen Geschmack viel zu sehr gewollt, man konnte ihm den Anspruch, dabei sein zu wollen, viel zu sehr anmerken. Und das hat es steril und künstlich werden lassen. Es sollte mit aller Gewalt ein Comeback-Album werden, über das geredet wird. Gemessen am Chart-Erfolg hat dies nicht funktioniert. Und bei mir auch nicht. Hier fehlte für mich einfach die Seele.
Ich wage an dieser Stelle keine Prognose, ob das neue Album Chancen auf den kommerziellen Erfolg jenseits der BH-Gemeinde haben wird. Denn auch „10“ ist made in Boybandland. Und alleine diese Tatsache wird es bei vielen Kritikern schon durchfallen lassen. Ein Stigma, ein Fluch, eine Prophezeiung?
Ich hatte keine Erwartung an dieses Album. Weder in die eine, noch in die andere Richtung. Aber vielleicht ist es gerade deswegen eine gute Sache für mich geworden. NKOTB haben noch nie perfekte Musik abgeliefert und werden das auch nie tun (äh, ja, doch, Blockhead speaking). Das ist auch nicht Sinn der Sache. Sinn oder völlige Sinnlosigkeit im NKTOB-Land ist das In-between, das vermittelt wird. Von der Band zu den Fans und von den Fans zur Band. Man kann es nicht erklären, wenn man nicht mittendrin ist. Und ich erlebe mit diesem Album das Gefühl, dass hier die Band endlich wieder das gemacht hat, worauf sie wirklich Bock hatte und was sie am besten kann. Ob dies nun der Tatsache geschuldet ist, nicht mehr bei einem großen Label zu sein und man auf die großen Namen im Musikbusiness verzichtet hat, sei an dieser Stelle einmal dahin gestellt. Werden wir auch nie erfahren. Weil unsere amerikanischen Boybander hier immer gerne sentimental werden und erzählen, dass alles nur für die Fans gemacht wurde. Aber der Gedanke, dass „10“ mit einem dänischen Produzententeam erbastelt wurde und eben NICHT mit dem Who-is-who der US-Musikmenschen, gefällt mir. Weil das ganz offensichtlich eine viel gesündere Kollaboration war, wenn man sich das Endergebnis vor Augen und Ohren hält. Zumindest, was mein ganz persönliches Soundempfinden angeht. Und das muss man sich hart erarbeiten. Fai.
Egal, aus welchen Beweggründen
„10“ so geworden ist, wie wir es nun zu hören bekommen. Es vermittelt mir ein
gewisses „Back to the roots“-Gefühl, mit dem ich gut leben kann. Es hat eine
gewisse Leichtigkeit und kommt daher unverkrampft und locker rüber. Man hat
nicht versucht, sich hier neu zu erfinden. Um Jon aus einem aktuellen Interview
zu zitieren, angesprochen auf die Entstehungszeit des Albums: „The flow was
easy, a smooth process.“. Und genau das spürt man auch.
So, nach dieser ganzen Lobhudelei
dürft Ihr Euch jetzt niederknien, liebste NKOTB, und ich schlage Euch zu
Rittern. Zumindest diejenigen von Euch, die es noch nicht sind.